Donnerstag, 18. Februar 2016

Wunder sind Tatsachen

 von Wilhelm Schamoni

Heilige

Über vierzig Kapitel mit Protokollabschriften über anerkannte Heilungen, die für Seligsprechungen dokumentiert wurden, jeder Fall mit mehreren Zeugenaussagen. Mit zweihundert Seiten macht dies den Hauptteil des Bandes aus. Diese Unterlagen sind 100 bis 400 Jahre alt und wurden ursprünglich in Latein abgefasst, der Autor hat sie ins Deutsche übersetzt.

Sie sind nach den Heilungswundern des Neuen Testaments angeordnet und die Abschnitte werden jeweils mit der entsprechenden Bibelstelle eingeführt (z.B.„Blinde sehen, Mt 11,5“).
Danach folgen Berichte über andere Wundertaten durch die Fürsprache der Heiligen: Brotvermehrung, Reicher Fischfang, Leuchtendes, Voraussagen, Herzenserkenntnis (Herzensschau), Sprachenreden, Bilokation und mehr.
 
Das Buch beginnt mit einer elfseitigen Einführung des Autors über Wunder als Zeichen, die schon im NT vorkommen. In Wie es zu diesem Buch gekommen ist steht, welche offiziellen Unterlagen (Zeugenaussagen usw.) nötig sind für die Anerkennung von Wundern und als Grundlage für Selig- und Heiligsprechungen. Danach gibt es ausführlichere Angaben, wie die Wundertaten dokumentiert werden, welche Zeugnisse aus dem Lateinischen übersetzt wurden und die Gründe für die Auswahl, außerdem wo sich die 9000 Seiten Fotokopien aus den offiziellen Büchern nach Beendigung des Buchs befanden und wo generell die Akten über diese Prozesse untergebracht sind.
 
In den Kapiteln über Heilungen nennt die Überschrift die Erkrankung und den Namen des heiligen Fürsprechers. Der Text wird eingeleitet von zehn bis vierzig Zeilen über den Verehrten, manchmal mit Medizinischem über die Krankheit, die Behandlungsmethoden der damaligen Zeit oder sonstige Umstände. Danach folgen mehrere Zeugenaussagen im Aussage-Protokollstil. Fast immer sind die Zeugnisse von Ärzten, Krankenschwestern oder Hebammen wiedergegeben, hauptsächlich jedoch diejenigen der Angehörigen und erwachsenen Kranken.
 
Die bekanntesten Heiligen im Buch sind: Alfons von Liguori, Don Bosco, Elisabeth von Thüringen, Franz von Sales, Ignatius von Loyola, Johanna Franziska von Chantal, Konrad von Parzham, der Pfarrer von Ars, Vinzenz von Paul.
Es handelt sich höchstwahrscheinlich um ausschließlich in Europa geborene Heilige und viele Namen habe ich noch nie gehört. Ein paar gingen in die Mission, zum Beispiel der hl. Johannes de Britto, 1647 in Lissabon geboren (João de Brito), Jesuit, er ging nach Indien: „Mit 27 Jahren begann er seine Missionsarbeit. Er übernahm die Lebensweise eines indischen Büßers.“ (Seite 99)
Hagiographie gehörte bisher nicht zu meinen Interessengebieten. Allerdings könnte sich das ändern, denn es gibt noch mehr überraschende Zeilen im Buch, dass man unbedingt mehr erfahren möchte.
Ein Beispiel? Seite 187: [Die später heiliggesprochene] Margareta von Cortona, in einem Dorf bei Cortona 1247 geboren, folgte mit 18 Jahren einem Junker als seine Geliebte auf dessen Burg.
Das Heiligenlexikon und Wiki kennen den weiteren Verlauf der Geschichte. Naja, vielleicht könnte man hinzufügen, dass die hl. Margareta viele Jahre lang diesen Liebhaber und mit ihm einen Sohn hatte. Soll also niemand sagen, es könnte nicht noch alles anders werden. Außerdem ist sie eine Verehrte mit Hunde-Content, das heißt sie ist auf Abbildungen mit einem kleinen Hund zu sehen, der auch in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielte. 
 
Herzlichen Dank Herrn T., der vor Jahren irgendwo im Internet ganz kurz mit Wohlwollen dieses Buch erwähnte. Daraufhin habe ich es auf eine entspannte „Irgendwann mal anschaffen–Liste“ gesetzt, Monate später kam es an und lag lange rum. Aber einmal aufgeschlagen und im Vorwort oder Hauptteil gelesen, wird man quasi ins Buch reingezogen und ist sofort gepackt, oder angerührt, manchmal traurig. Aber dann auch wieder amüsiert. Beispielsweise wenn man von dem „Fragen-Register“ erfährt, das die Zeugen beantworten müssen. Offensichtlich existieren standardisierte Formulare, die bei den Prozessen verwendet werden müssen. Man ist mal überrascht oder skeptisch, fühlt sich mit den eigenen medizinischen oder naturwissenschaftlichen Erkenntnissen erhaben über Mediziner, die mit uraltem state-of-the-art Wissen diagnostiziert und therapiert haben (über Akupunktur wurde auch lange abfällig gelächelt). Man sucht versteckte Motive bei den Beteiligten, stellt Überlegungen zum Geisteszustand der Zeugen an … die Lektüre ist unglaublich spannend. Vor allem wenn man außer dem Gelesenen seine eigenen Gedanken und Emotionen analysiert.
 
Wunder sind ja so eine Sache, nicht? Allerdings kommen so viele im Neuen Testament vor, nicht nur in den Evangelien sondern auch später. Und nicht nur Wunder von Bern und solche der Wirtschaft. Richtiges Gesundwerden. Jedenfalls wird von niemandem verlangt, an diese Wunder zu glauben. Selbst Katholiken müssen das nicht.
 
Kürzlich stand in einer Buchbeschreibung eine Geschichte über Lourdes:
Einem Atheisten wurde eine Akte über eine dort geschehene Heilung gegeben. Er wollte wissen, wie das im Einzelnen untersucht und dokumentiert wird. Vermutlich beabsichtigte er, sich über die mangelnde Wissenschaftlichkeit und die Leichtgläubigkeit der Katholiken lustig zu machen. Nach dem Lesen war er anderer Meinung und hielt die Heilung für übernatürlich. Der Mann, der ihm die Schriften gegeben hatte, meinte dazu: Seltsam, dabei war das doch ein Fall, den wir selbst nicht als Wunder anerkennen. Se non è vero, è ben trovato! 
 
Über den Autor:
Der Priester Wilhelm Schamoni (1905 – 1991) wurde 1930 geweiht, wegen „Wehrkraftzersetzung“ 1939 verurteilt und in Buchenwald inhaftiert. Nach dem Krieg war er Pfarrer und Exerzitienleiter für Theologiestudenten im Bistum Paderborn. Sein Leben lang beschäftigte sich ausgiebig mit Hagiographie (Heiligenkunde), übersetzte Prozessakten zu Selig- und Heiligsprechungen, reiste zu den Orten verehrter Personen, verfasste viele Bücher und wurde zu einem der bedeutendsten Hagiographen. Wilhelm Schamoni gründete 1970 die katholische Monatsschrift „Theologisches“, die in hoher Auflage jeden Pfarrhaushalt erreichte. (Das ist die Zeitschrift, die vor einigen Jahren häufiger in den Medien genannt wurde.) 1980 gab er die Herausgeberschaft ab.
Wichtige Werke neben dem vorliegenden: Das wahre Gesicht der Heiligen (1938), Charismatische Heilige (1989).
Quelle mit einem umfangreichen Artikel über Wilhelm Schamoni: Quelle-Link 

373 Seiten, 1976, 3. Auflage, Imprimatur Würzburg, mit dem Hinweis „Sonderauflage – im Buchhandel nicht erhältlich – der Originalausgabe der Verlage". Würzburg, Linz- Sechzehn Schwarzweiß-Abbildungen. Vorwort von Kardinal Dr. Lorenz Jäger.

Kommentare:

  1. Das klingt toll! Danke für die Besprechung.

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    1. Gern geschehen. Es ist ein sehr engagiertes Buch über ein interessantes Thema.

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  2. Die Bücher von Wilhelm Schamoni sind alle wirklich empfehlenswert. - Ich wusste gar nicht, dass es diese noch gibt, da sie ja nicht mehr ganz neu sind. Daher leihe ich mir diese gerne aus.
    Wer aber immer wieder mal nachschlagen möchte, dem empfehle ich, diese Bücher zu kaufen.

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  3. Außer 'Wunder sind Tatsachen' habe ich noch nichts von Schamoni gelesen. Im 'Wahren Gesicht' habe ich mal geblättert und die 'Charismatischen' liegen auch hier. Demnächst mal. - Wo kannst Du Bücher von Schamoni ausleihen? Meine Ausgabe ist antiquarisch erworben. Neu kann man es nicht mehr kaufen.

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