Samstag, 3. Mai 2014

… aus einem Kelche trinken …

von Christian Hartung

Kirchenkrimi - Literatur


Der evangelische Pfarrer Martin Leiser ruft seinen Kollegen Held an, kurz bevor er zu einem Treffen fährt, auf dem sich wahrscheinlich entladen wird, was sich schon seit Monaten über ihm zusammenbraut: seine Entlassung als Pfarrer. Der Anrufbeantworter ist eingeschaltet, er legt wortlos auf. Wenige Stunden später muss sein Kollege der Ehefrau die Todes- nachricht überbringen. Vielleicht war es ein Unfall, aber es sieht nach Selbstmord aus.

Zu seinen eigenen kleinen Ortschaften im Hunsrück muss Pfarrer Held nun noch die Pfarrstelle des Verstorbenen übernehmen, der massive Probleme mit den Presbytern hatte, weil ihnen seine Einstellungen und Entscheidungen nicht genehm waren. Sie gingen sogar so weit, seinen kleinen Sohn beim Fußballspielen zu benachteiligen, um so den Vater zu disziplinieren. Held bekommt es ebenfalls mit den drei Wortführern im Presbyterium zu tun, die die „Abberufung“ seines Kollegen zu verantworten haben. Und auch er gerät in Gefahr, über seinen Sohn auf Linie gebracht zu werden.

Daneben geht es um den Tod einer alten Dame, die am Abend noch mit Pfarrer Held und ihren Töchtern Abendmahl gefeiert hatte. Wenige Stunden später starb sie, eine Tochter beschuldigt sich selbst und man stellt als Todesursache überdosierte Medikation fest.

Aus einem Kelche trinken ist der vierte Band mit dem Hunsrücker Pfarrer Michael Held und dieser Fall geht ihm ganz besonders nah. Kirchenvorständler sind verdächtigt seinen Kollegen in den Tod getrieben zu haben, Synodale haben suboptimal reagiert und nach dem Unfall will niemand mitverantwortlich gewesen sein und das auch bestätigt bekommen. Kommissar Langes, den man aus den ersten drei Krimis kennt, ist auf Fortbildung, er wird von einer Kriminalkommissarin vertreten, die in Simmern seine Fälle übernimmt; daher hat Pfarrer Held dieses Mal keinen Vertrauten bei der Polizei.

Wieder sehr gekonnt in die Handlung eingebracht werden Seelsorgliches (Abendmahlfeier bei einer alten Frau im Familienkreis, Totenwache, Überbringen einer Todesnachricht, die Reaktionen der kleinen Kinder des Verstorbenen darauf und auf den Selbstmord des Vaters, Predigt bei der Beerdigung), Pfarrerliches (innerer Monolog des gemobbten Pfarrers, der sich immer mehr in die Ecke gedrängt sieht, Sitzungsapostolat bzw. -martyrium) und ein wenig Familiäres (ein entspannter Nachmittag mit der Angetrauten, um nach dem Erlebten wieder halbwegs runterzukommen).

In der Erzählung selbst gibt es Informationen über die Praxis der Abberufung von Pfarrern, in der Nachbemerkung steht dazu ein Literaturtipp.

Ein großartiges Buch. Mit den üblichen Kirchenkrimis kaum zu vergleichen, weil ein wichtiges kirchliches Thema angeschnitten und hervorragend behandelt wird. Realistische Schilderungen des Gemeindelebens, authentische Figuren und klug den Finger auf die Wunde legend.


Der Titel ist wie bei allen Held-Krimis ein Zitat aus einem Kirchenlied:
 
1) Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen:
wir sind, die wir von einem Brote essen,
aus einem Kelche trinken, alle Brüder und Jesu Glieder.

2) Wenn wir wie Brüder bei einander wohnten,
Gebeugte stärkten und die Schwachen schonten,
dann würden wir den letzten heilgen Willen des Herrn erfüllen.

3) Ach dazu müsse seine Lieb uns dringen!
Du wollest, Herr, dies große Werk vollbringen,
dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde.

Text: Johann Andreas Cramer, 1780 - EG 221


Von dem evangelischen Pfarrer und Schriftsteller Christian Hartung (geb. 1963) wurden im Blog schon So legt euch denn, ihr Brüder und Noch manche Nacht wird fallen  vorgestellt, der 5. und der 2 .Band der Reihe um Pfarrer Michael Held.

172 Seiten, 2009

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