Montag, 21. April 2014

Der aufgeweckte Siebenschläfer

Eine unverblümte Legende aus unseren Tagen

von Adalbert Seipolt

Erzähltes – Humor


Wie wäre es, wenn ein Mann auftauchen und behaupten würde, er sei ein Heiliger, der seit 1500 Jahren als Märtyrer verehrt wird? Wie würden die Menschen, die Gläubigen, Kirche und Medien reagieren? Das hat sich Pater Adalbert Seipolt von den Benediktinern ausgemalt und in dieser unterhaltsamen Geschichte beschrieben.

Ein Eheanbahnungsinstitut organisiert zum besseren Kennenlernen für seine langjährigen Mitglieder eine Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer. Man besichtigt gerade die Ruinen von Ephesus und hört interessiert die Legende der Siebenschläfer, der sieben Märtyrer, die eingemauert wurden und 200 Jahre später den Menschen wieder erschienen. Plötzlich steht Dionysios, einer der Sieben, vor ihnen. Er spricht nur Latein und Koinä, die Umgangssprache der griechischen Spätzeit, lernt aber schnell Deutsch. Dann begleitet er die Gruppe nach Deutschland, kommt kurzfristig in einem Kurort unter, der schnell zur Pilgerstätte für alle möglichen Interessenten wird, und schlägt sich danach monatelang allein durch die modernen Zeiten. Fast niemand glaubt ihm den Heiligen, alle haben bestimmte Vorstellungen von Heiligkeit und er wird den wenigsten gerecht. Die hohe Geistlichkeit ist besonders streng: ein Bischof, der Dionysios tatsächlich für einen der Siebenschläfer hält, wird bald aus „Alters- und Gesundheitsgründen“ in Rente geschickt.

Die Reporter sind am eifrigsten bei der Prominentenjagd „Wir haben genug damit verdient, den Siebenschläfer 'aufzubauen', daß es Zeit ist, ihn wieder abzubauen – und damit noch mehr zu verdienen.“ (Seite 120) Aber es gibt kleine Spitzen nach allen Seiten: „Dann weiß er vermutlich mehr über das innere Leben der Gottesmutter als sie selbst,“ bemerkte Dionys freundlich. Der Domvikar hatte sich angewöhnt, Dinge, die er nicht hören durfte, geflissentlich zu überhören, eine Eigenschaft, die ihn für seinen Posten empfahl. (Seite 157)

Es wird kritisch, als ein zweiter „Siebenschläfer“ auftritt, der sich nach allen Regeln der Kunst hofieren lässt, in Fernsehen und Radio zu Spenden aufruft und darauf drängt, vom Papst empfangen zu werden. Dionys wird eingesperrt, kann entkommen und schließlich kommt es in Rom zu finalen Showdown. (Wo auch sonst?)

Eine sehr originelle und amüsante Geschichte mit vielen lustigen Ideen und Dialogen. (In einem Kloster werden Reliquien vorgeführt, u.a. ein gläserner Schrein. „Ein vollständiges Skelett. Nur die unterste Rippe auf der Herzseite fehlt“, sagte der Bruder. Sauerampfel trat einen Schritt zurück. „Ist das – Adam?“ Seite 65)

Besonders interessant sind die Unterschiede zwischen dem Leben von Christen im 3. Jahrhundert und der aktuellen Kirchenwelt, bzw. der vor 52 Jahren. Aber das meiste davon trifft sicher auch heute noch zu. Lernen kann man auch was, zum Beispiel, dass Weihrauch für Christen verboten war, weil es beim römischen Kaiserkult verwendet wurde, oder dass in den ersten Jahrhunderten in Rom die Kirchensprache Griechisch war, obwohl das nur hochgebildete Leute verstanden.

Einige der Figuren sind natürlich als knallharte Antagonisten beschrieben.
Dafür sind die Langjährigen vom Eheanbahnungsinstitut die nicht-heiligen Hauptfiguren und sie wurden mit viel Liebe zu den Menschen erschaffen und kommen entsprechend liebenswürdig beim Leser an.

Dionys vermisst am meisten die Worte, mit denen sich die Menschen zu seiner Zeit begrüßten, das griechische Chaire:
Freue dich! Freut euch!

Und ich vermisse mehr solcher Erzählungen mit Geist, Witz und Charme, bemühe mich aber trotzdem um Freude, es ist ja schließlich Ostern.


Die Biographie von Pater Adalbert Seipolt steht bei den Büchern, die bereits im Blog vorgestellt wurden: Und es nickte der kopflose Bischof, Alle Wege führen nach Rom, Die Römische Himmelfahrt, Frauenspersonen Zutritt verboten, Die Ente seiner Eminenz.


268 Seiten, 1962, Illustrationen von Polykarp Uehlein

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