Freitag, 7. Juni 2013

Wintergruft

von Alida Leimbach

Kirchenkrimi


 Die Geschichte bietet mehr Kirchengemeinde als Krimi.

Es beginnt im Oktober, auf dem Land bei Osnabrück. Eine nicht übermäßig beliebte Pfarrerin verschwindet. Auf ihrem Schreibtisch liegt ein Brief an ihren Mann, ebenfalls Pfarrer in derselben Gemeinde - ein Trennungsbrief. Allerdings ohne ein Wort über den heißgeliebten Hund Bo, außerdem hat sie im Herbst nur Sommerkleidung mitgenommen und das Schatzkästlein mit den wichtigsten Erinnerungen ihres Lebens zurückgelassen. Monate später wird ihr Auto gefunden, in dem blutverschmiertes Werkzeug liegt. Es dauert noch ein halbes Jahr, bis die Leiche auftaucht, zu diesem Zeitpunkt ist der Fall aber schon fast ganz aufgeklärt.

Hauptsächlich geht es um den Pfarrer und seine Geliebte, die Kirchenmusikerin in seiner Gemeinde ist, und den zweiten Kirchenmusiker im Sprengel (zwei Kirchenmusiker?), dazu die Pfarrsekretärin und ihre Familie, plus ihren neuen Freund und dessen Eltern, die Putzfee des Pastorenhaushalts, eine hochrangige Synodale und ihre Mutter, und den Superintendenten, der ein ausgesprochen unangenehmer Typ ist. Dazu noch die beiden jungen Kommissare Birthe und Daniel von der Mordkommission.

Das Private und das Berufliche all dieser Figuren stehen im Vordergrund, hauptsächlich ihre Beziehungen (Partner, Eltern) oder ihre Partnersuche. Sehr ausgeprägte und gekonnte Charakterisierungen. Geistliches spielt überhaupt keine Rolle – obwohl das Gemeindeleben stets präsent ist und der Kirchentag in Dresden als Schauplatz in einigen Szenen dient. Die Geschichte hätte genauso gut in einem Landrathaus spielen können. Da hätte man irgendwie auch die beiden konkurrieren- den Chöre und die Bach-Motette unterbringen können. Eigentlich hätten die Figuren dort glaubwürdiger gewirkt.
Man kann der Autorin wirklich nicht vorwerfen, sie idealisiere evangelische Hauptamtliche. (Vielleicht tue ich das ja?)

Am witzigsten war das Kapitel, als die Pfarrsekretärin die verschwundene Pfarrerin bei dem „Frauenpower-Kreis der Erdmütter“ vertreten sollte (Zitat Seite 61: Greta murmelte eine Entschuldigung und verließ überstürzt den Gemeindesaal, während ihr zehn Erdmütter powerful hinterherstarrten.) - das ist eine wahre Perle.

Wer die Spannung liebt, die entsteht, wenn Personen mit- und gegeneinander agieren, der wird mit diesem Krimi aufs Beste bedient. Die Figuren sind authentisch gezeichnet, ihr Handeln nachvollziehbar. Ich habe das Buch sehr gern und willig gelesen, was bei 414 Seiten fast schon ein Wunder ist. (Ui, doch noch was Geistliches entdeckt!)  

Leider führt eine der wichtigsten Figuren ausführliche Selbstgespräche im Dialekt. Das ist etwas anstrengend für den Leser.

Die Autorin Alida Leimbach (geb. 1964) ist in Lüneburg geboren und in Osnabrück aufgewachsen. Sie hat u.a. evangelische Theologie studiert und lebt heute als Pastorengattin mit Mann und Kindern in der Nähe von Frankfurt. Die Wintergruft war ihr erster Roman. Respekt!
 
414 Seiten, 2011

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