Samstag, 22. Juni 2013

Wenn der Tod tanzt

von Christian Uecker

Kirchenkrimi - Tatort Orgel


Dies ist der erste Krimi des evangelischen Pastors Christian Uecker. In der norddeutschen Pfarrei seines Alter Ego Pastor Falke wird ein Skelett im Kirchturm gefunden, mit zertrümmertem Schädel; wenige Tage danach die Leiche eines geachteten Gottesdienstbesuchers in der Orgel. Die 8 Dörfer umfassende Gemeinde nahe Lübeck ist geschockt, man verdächtigt sich gegenseitig. Alte Geschichten, die bis auf die Kriegs- und Nachkriegszeiten zurückgehen, werden als Motive des Mörders vermutet. Der Pastor liest die Kirchenbucheinträge seines Vorgängers aus den letzten Kriegsjahren, die anschaulich schildern, wie damals mehr Flüchtlinge als Einheimische in den Ortschaften wohnten und welche Konflikte dadurch entstanden.

Ganz wichtig ist die Orgel aus dem 19. Jahrhundert: erst ist sie kaputt, wird aber noch während eines Trauergottesdienstes repariert, das ist jedoch nur eine Übergangslösung, denn sie muss für eine horrende Summe renoviert werden. Dann findet man dort eine alte Uhr und schließlich in ihrem „Orgelraum“ eine zweite Leiche. (Von so einem Raum hatte ich vorher noch nie etwas gehört. Selbst die große online-Enzyklopädie hat keine Fotos). Und außerdem spielt für die Handlung ein Stück des Komponisten und Organisten Franz Tunder (1614 bis 1676) eine tragende Rolle.

Während der Erzählung lernt man den Pastor kennen und seine Frau Annette, eine Künstlerin, dazu die Kirchenvorsteher, den Küster, den Friedhofsgärtner, den Organisten, die Bürgermeisterin und andere Honoratioren, einige ältere Damen, und es gibt eine kleine Szene mit den Konfirmanden. Das klingt nach zu vielen Leuten, ist aber nicht so. Die Figuren sind alle gut beschrieben und wirken authentisch.

In der Geschichte wird neben der Krimi-Handlung viel über den Gemeindealltag berichtet: Beerdigungen (na, bei dem Genre!), Predigtschreiben, sonntägliche Einladungen und die Pflicht des Pfarrers, selbstgebackene Kuchen zu probieren, der Frust der Pastorengattin, wenn ihr Gemahl nachts um 3 Uhr von einem gemütlichen Umtrunk heimkommt, schwerwiegende theologische Fragen wie: Zieht der Kirchenvorstand vor den Konfirmanden in den Gottesdienst ein oder hinter ihnen?

Insgesamt sehr gelungen, eine ausgewogene Mischung von Krimi und Erzählung über das Gemeindeleben, mit traurigen, tragischen, aber auch heiteren Momenten. Wer allerdings nur Spannung sucht, dem wird zu viel Kirchliches im Buch stehen, zwischendrin gibt es auch längere Zitate aus der Bibel, Psalmen und geistliche Überlegungen.

Zu dem Todesfall in der Orgel gibt Pastor Falke ein Interview. Wenige Tage später lädt sein Propst ihn deswegen vor und empfiehlt ihm (Zitat Seite 69:) Der Umgang mit der Presse will gelernt sein, vergessen Sie das nicht. Wir leben in einer kirchenfeindlich Zeit, und die Medien sind immer bereit einen Skandal um die Kirche auszuschlachten. (Das Buch wurde1994 geschrieben.)


Achtung: Wer sich die Spannung des 'Whodunnit' bewahren möchte, darf auf gar keinen Fall die letzten Sätze der Geschichte lesen. Nicht mal rein zufällig ....

Natürlich löst Pastor Frank Falke den Fall; am Ende weiß er, was warum geschah.

Die Erzählung hat mir sehr gut gefallen, wie bisher alle Bücher des Autors.

Christian Uecker (1956 - 2007) war evangelischer Pfarrer bei Lübeck. Er hat sieben Krimis mit Pastor Frank Falke als Hobby-Ermittler geschrieben.
Die Bände sechs und sieben dieser Reihe wurden hier im Blog schon vorgestellt: Treibsand (Theologen-Treff auf Amrum) und die letzte Erzählung über einen Gemeindeausflug nach Südengland: Totenblumen

141 Seiten, 1994

Kommentare:

  1. ui...der Autor verstarb aber jung.

    vielen Dank für deinen Buchtipp ;-)

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    1. Bitte, gern geschehen. :) Die drei Krimis von Christian Uecker werden Dir bestimmt gefallen. Mein Favorit ist immer noch "Totenblumen" mit dem Gemeindeausflug in England.

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