Mittwoch, 2. Januar 2013

Alle Herrlichkeit ist innerlich von Bruce Marshall

 Erzähltes – Geweihtes Leben


Die Erzählung spielt zwischen 1908 und 1942 in Schottland, die Hauptfigur Pater Smith ist katholischer Priester in einer kleinen Stadt. 1908 müssen die Sonntagsmessen noch in einer Obstmarkthalle gefeiert werden, an deren Wänden „Zur Hölle mit dem Papst“ oder ähnliches steht, es gibt im Ort noch keine katholische Kirche, nur anglikanische, und die Gläubigen sind hauptsächlich Iren.
Zu Beginn werden die Personen und ihr Leben vorgestellt: die Priester, der Bischof, die anglikanischen Kollegen, die Adeligen, die Schulkinder, ihre Eltern, und der Italiener Signor Sarno. Die Reklamefotos seines Kinos mit den beliebtesten Schauspielern zeigen die Veränderungen während der Zeitspanne von 34 Jahren an, auch in den Gesprächen geht es häufig um Aktuelles aus Politik und Wirtschaft.
 
Einzelne Szenen sind komisch, so zum Beispiel als drei katholische Priester das Kino mit dem Gratistee und die Filme begutachten, ob sie ihren Gläubigen den Besuch gestatten können. Andere Episoden ergeben sich aus der politischen Situation, so werden franzö- sische Ordensfrauen im Jahr 1908 aus Frankreich ausgewiesen und können mit Unter- stützung der Geistlichen in der schottischen Stadt eine Schule eröffnen. Sie haben als größten Besitz ein Meßgewand, das der Pfarrer von Ars getragen hat.
Das Berufliche wird dargestellt: Predigten und Seelsorge von Pater Smith und seinen Kollegen, Messen, Religionsunterricht, Beichten, Krankensalbung bei einem Sterbenden, Taufen, 1916 muss der Priester in den Krieg und wird in Frankreich an der Front eingesetzt, die letzten Stunden mit einem ehemaligen Ministranten, der wegen Mordes zum Tod verurteilt wurde, Pontifikalämter, Gespräche mit einem seiner Schuljungs, der Priester werden möchte, Jahre später seine Primiz.
Dazwischen gestreut sind Unterhaltungen mit den unterschiedlichen Leuten über Alltägliches, Geistliches und Weltliches.

Die Buch ist fast 70 Jahre alt und wurde für ein katholisches Publikum geschrieben. Dem Schotten Bruce Marshall (1899-1987) ist es großartig gelungen, die Menschen, ihre Freuden, Leiden und Konflikte darzustellen, dabei sind viele Episoden voller Humor. Die Gegenüberstellung von Tagesaktuellem und Glaubensleben bewirkt beim Leser eine zunehmende Distanz zu dessen Zeitgeistumfeld. Wenigstens war es bei mir so.

Ein absolut wunderbares Buch. Bruce Marshall war ein hochtalentierter Erzähler, der zu seiner Zeit viel gelesen wurde. Es ist so schade, dass seine Werke in Vergessenheit geraten sind.


184 Seiten, 1944 erschienen, aus dem Englischen (All Glorious Within oder The Word, the Flesh and Father Smith) übersetzt von Jakob Hegner, das abgebildete Exemplar ist von 1958
(Bei dem Band vom obigen Foto handelt es sich um das müffelnde Buch, von dem ich schon im Artikel über 'Das Wunder des Malachias' geschrieben habe. Es wurde doch nicht kopiert, sondern während des Lesens lagen immer Orangen- oder Mandarinenschalen in der Nähe. So ließ es sich locker aushalten.)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen