Samstag, 2. Juli 2016

Der Mond ist aufgegangen

von Andrea Timm und Christoph Lück 

Kirchenkrimi

Er ist ein durchsetzungsstarker Macher mit männlicher Ausstrahlung, charmant zu den Damen, Gewohnheitstrinker französischer Edelweine, erpresst widerwillige Mitarbeiter mit Stellenabbau oder Bekanntgabe ihrer Geheimnisse, Kolleginnen der Konkurrenz werden öffentlich gedemütigt. Eines Abends stürzt er von der Kellertreppe, geschubst. Die meisten Leute atmen auf, die schillerndste Person der Insel lebt nicht mehr und man muss einen neuen Priester suchen.

Fritjof ist Kantor und Organist in der katholischen Gemeinde, ein patenter Kerl, hat Musik und Geschichte studiert, ohne Lateinkenntnisse, dafür mit einem Auto, das bewohnt aussieht. Er löst den Fall gemeinsam mit Svea, Psychologin und Zwillingsschwester der evangelischen Pastorin. Sie sind Schulfreunde. (Ihr Abitur jährt sich bald zum zwanzigsten Mal, sie kommen aber nicht zu Potte - zweiter Band folgt.) 

Fast alle Inselbewohner sind oder verhalten sich verdächtig. Kurz bevor ihm die Flucht gelingt, wird der polnische, piepsstimmige Diakon festgenommen und verhört. Der mit Klein-Diebstählen ergraute Kommissar muss in einem Kapitalverbrechen ermitteln, ungewohnt für ihn:„ Papperlapapp! [..] basta.“ (Seite 323) „ … können Sie in Ihrer Zelle hinter schwedischen Gardinen die nächsten Tage intensiv darüber nachdenken. Nebenbei: Da wimmelt es nur so von hungrigen Ratten.“ (Seite 327)
Der Küster ist auf seinen Ex-Chef, „den Pfaffen“, nicht gut zu sprechen, so wie fast alle Gemeindemitglieder. Lediglich die Pfarrsekretärin, die Qualitätswein klauende Pfarrhaushälterin im Blümchenkittel und die Vorsitzende des Pfarrgemeinderats trauern um den Pfarrer. 

Neben den beiden Hobby-Schnüfflern gibt es nicht viele Sympathieträger. Am ehesten noch die Pastorin, sie gerät gegen Ende der Geschichte in eine äußerst gefährliche Lage.
Aber alles wird gut! Naja, fast. 
Übrigens herrscht spirituell gesehen ein seltsames Benehmen bei den Katholiken, in den Gottesdienstes wird regelmäßig von einem Herrn Hut getragen, bei Rosenkranzandachten muss ein Geweihter anwesend sein, die Pfarrsekretärin bekreuzigt sich drei Mal. Vielleicht liegt das am Inselstatus. 

Überwiegend ein interessanter Krimi; nur dass der Priester durch und durch unsympathisch ist und dazu noch konservativ. (Ein Kausalzusammenhang fehlt, es ist also eher ein 'sowohl als auch' und kein 'weil') Die Mitarbeiter caritativer Organisationen lassen sich auf krumme Touren ein und außerdem erfährt man von mehreren Damen die Beschaffenheit ihrer Brüstchen. (Im Text steht natürlich nicht die Verkleinerungsform, aber wenn ich den Originalbegriff bringe, explodieren die Zugriffszahlen auf diesen Blog und die Herren sind dann über den harmlosen Artikel enttäuscht. Das will man ja vermeiden, nech?)

Das Autorengespann, selbst katholisch und evangelisch, haben mit dem katholisch-evangelischen Ermittlerpaar eine originelle Erweiterung beim Kirchenkrimi erdacht. Auch Kantoren oder Organisten als Hobbydetektive sind (zumindest mir) neu. 
Wie oben schon angedeutet ist bereits die Fortsetzung geplant. Mal sehen, ob die Insel einen neuen Priester erhält, wie es mit der Romanze und den anderen Figuren weiter geht, was aus dem Weinkeller des Pfarrers wurde und ob es irgendwas Positives über Christen zu lesen gibt, abgesehen von den sozialen Ambitionen der evangelischen Pfarrerin. Selten war ich so gespannt auf den zweiten Band.

392 Seiten, 2016, angenehm große Schrift, sehr schönes Cover.

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