Sonntag, 24. April 2016

Das Erwachen der Senorita Prim

von Natalia Sanmartín Fenollera

Erzähltes

Señorita Prudencia Prim bewirbt sich auf eine Stellenanzeige; in einem abgelegenen kleinen Ort wird eine Bibliothekarin gesucht, die keine akademischen Titel hat. Sie wird eingestellt, obwohl sie gleich zugibt, dass sie dem Profil nicht ganz entspricht. (Studienabschluss in Internationale Beziehungen, Politikwissenschaften und Anthropologie, war Doktorin der Soziologie und spezialisiert in Bibliothekswissenschaften und in mittelalterlicher russischer Kunst - Seite 11 f.)

In den folgenden Wintermonaten sortiert und katalogisiert sie eine Privatbibliothek, unterhält sich mit Dorfbewohnern und den Kindern des Hauses, wobei sie bei Debatten meist den Kürzeren zieht oder die Kleinen sie sprachlos machen.

Die Kolonie, wie sich die Bewohner selbst nennen, wurde von einem alten Benediktinermönch und ihrem Arbeitgeber, dem Mann im Armsessel, gegründet. Sie produzieren ihre Waren selbst oder kaufen ortsnah, leben und erziehen nach dem klassischen Bildungsideal in katholischer Prägung und gehen in die traditionelle Messe.
Señorita Prim hingegen glaubt nicht.
Gegen Ende des Buchs ist sie „erwacht“.

Selten hat mich ein Buch so verständnislos zurück gelassen.
Das liegt weniger an der Handlung als an seinem Erfolg bei Frauenzeitschriften. Mein Exemplar zieren Kurz-Hymnen von 'Cosmopolitan' („Eine Ode an das, was wirklich zählt.“) und 'Elle'. Damals vor Jahren als ich das neugierige Reinschnuppern in diese Zeitschriften aufgegeben habe, waren sie noch nicht in den Händen der katholischen Tradition. Sind sie es denn mittlerweile?
Sicher haben Sie Rabelais' Gargantua und Pantagruel gelesen?“ „Selbstverständlich.“ (Seite 48)
(Notiz an mich: Rabelais und dieses Buch nachschlagen.)
 
Eine junge Frau, die in ihrer Handtasche Lineal und Zirkel mit sich rumträgt. Eine Achtjährige, die Ikonen aus dem Gedächtnis malt. Die Buben lernen im Wald fechten. Schulkinder, die in Latein und Griechisch unterrichtet werden, und ein wenig in Aramäisch.
Es ist doch so, dass ihr Teile der Aeneis [auf Latein] auswendig könnt, oder?“ [..] “Wir können viele Gedichte oder Geschichten auswendig; das ist das Erste, was wir mit allen Texten machen.“ (Seite 108)

Es gibt fast keine spanischen Autoren im Buch, nur Don Quijote wird erwähnt. Sehr viel Englischsprachiges, Twain, Caroll, Dickens, Poe, Little Women, Jane Austen und Mr. Darcy hier, Mr. Darcy dort. (Notz 2 an mich: Den Film mal anschauen.) Warum ist alles so englischlastig? Ist die Autorin von deren Qualität so überzeugt, lebt sie mittlerweile in den USA oder ist das Buch für den englischsprachigen bzw. internationalen Markt konzipiert?

Señorita Prim wandelt handylos durch das Dorf wie durch Hochglanzfotos in teuren Magazinen oder Haus und Hund. Wobei Hunde fast nicht vorkommen.
Gesucht wird ein weibliches Wesen, dessen Geist sich die Unabhängigkeit von der Welt bewahrt hat und das sich in der Lage sieht, einem höflichen Mann und seinen Büchern als Bibliothekarin zur Seite zu stehen. Besondere Fähigkeiten im Umgang mit Hunden und Kindern sehr willkommen. Arbeitserfahrung nicht erforderlich. Akademikerinnen und Inhaberinnen sonstiger beruflicher Titel unerwünscht. (Seite 11)
Keine Hunde, dafür ist der Mann auch nicht höflich.
 
Kritik der modernen, real existierenden Zivilisation mit Zitronenkeksen, klassisch zubereitetem russischen Tee (aus Sotschi, nur die Knospen der oberen zwei Blätter), Rosenhecken und das Geheimnis des Geburtstagskuchen sind die Mohnsamen, also da hätte man gern schon das komplette Rezept gehabt. Akademikerinnen, die nur wenige Stunden täglich im eigenen Laden oder als Journalistinnen arbeiten und sich den Rest des Tages um ihre Kinder, die persönliche Bildung oder den Freundeskreis kümmern.
 
Die Geschichte sollte man unbedingt lesen. Sie ist klug geschrieben, fesselnd und die enthaltenen Sichtweisen sind des Nachdenkens wert und regen zum Widerspruch an, zumindest gibt es Gesprächsbedarf. Es wird das Hohelied der geisteswissenschaftlichen Aussteiger gesungen: Bildung und Bücher, schöne Natur und Kalorienreiches. Reintauchen und drin schwelgen kann man allerdings nicht, im Text wird eindringlich vor Sentimentalität gewarnt. Das Katholische kommt in der Handlung am Rande vor – allerdings an wichtigen Rändern.
Vielleicht habe ich das Ganze einfach nicht verstanden und sollte in aller Ruhe nochmal von vorn beginnen, dazu im Netz nach weiteren Meinungen suchen. Im Buch nimmt der christliche Glaube und entsprechende Lebensentscheidungen eine so zentrale Stelle ein und ist wesentlich für die Figuren, auch für Señorita Prim, das können doch nicht alle LeserInnen gut heißen oder übersehen haben? Die Rezensionsabteilungen der genannten Zeitschriften könnten traditionell unterwandert sein oder es wurde in diesem Fall nur angelesen und abgeschrieben. Eventuell muss das Buch als Parodie verstanden werden, als Kritik an der aktuellen Landliebe-Sehnsucht. (Notz 3 an mich: Unbedingt nochmal lesen!)

Die Autorin:
Natalia Sanmartín Fenollera ist – wie ihre Heldin Señorita Prim – eine Frau mit mehreren akademischen Abschlüssen. Sie ist gelernte Wirtschaftsjournalistin, studierte Juristin und hat die Journalistenschule der spanischen Zeitung El Pais an der Universidad Autonoma de Madrid mit dem Mastertitel abgeschlossen. Heute ist sie Journalistin bei einer großen Wirtschaftszeitung. „Das Erwachen der Senorita Prim“ ist ihr erster Roman, der in der Verlagswelt international spontane Begeisterung auslöste und in zahlreichen Ländern erschienen ist. (Zitat von Seite 2)
 
366 Seiten, 2013, aus dem Spanischen (El Despertar de la Señorita Prim) von Anja Rüdiger, deutsche Ausgabe 2015, Piper Verlag

1 Kommentar:

  1. Nette Buchvorstellung, hat mir richtig Lust gegeben das Buch zu holen, na oder wenigstens versuchen es auszuleihen. Büchereienn gibt es ja noch und einige sind sogar gut besucht. Man sollte die Hoffnung daher nicht aufgeben.

    Danke noch einmal für den tollen Vorgeschmack.
    Gelungen ist er dir.

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