Donnerstag, 17. März 2016

Als Luther vom Kirschbaum fiel und in der Gegenwart landete

von Albrecht Gralle

Erzähltes Glaubenswissen


Martin Luther steigt zum Kirschenpflücken auf einen Baum (Kirschenpflücken!), fällt runter und landet im Jahr 2017 (2017!). Dort bringt man den Seltsamen in ein nahe gelegenes Seniorenheim, wo er den pensionierten Pastor Sonnhüter kennen lernt. Kurzerhand nimmt der den Latein- und Hebräischkundigen mit sich nach Hause, stattet ihn mit den notwendigsten Kenntnissen und Gerätschaften der Gegenwart aus und lässt ihn bei sich wohnen. Die dritte Hauptfigur ist eine junge Theologiestudentin, die zufällig die Gespräche der Beiden auf der Straße hört, ihnen folgt und keine Ruhe gibt, bis sie selbst mit dem Zeitreisenden reden bzw. streiten darf.

Es folgen lustige und berührende Szenen, originelle Begegnungen und Wendungen, fesselnd geschildert und humorvoll. Man erfährt eine Menge über Luther, Theologie, seine Zeitgenossen und fragt sich, ob der Reformator die zitierten Aussagen tatsächlich machte. (Aber sicher hat der Autor sorgfältig recherchiert. Im Anhang stehen Quellenansammlungen zu den Lutherzitaten.) Übrigens wird er aus einer Kirche wegen Randalierens und Beleidigens beinahe rausgeworfen.
Als der Gottesdienst sich dem Ende zuneigte, war Luther aufgewühlt. In ihm rumorte es. So hatte er sich den Gottesdienst nicht vorgestellt gehabt. Er ging mit den anderen in den Vorraum. (Seite 131)
"Ich hoffe, wir sehen uns nie wieder, Herr Luther!" (Seite 136)
 
Bei der Pfarrkonferenz in Wittenberg als Ehrengast kommt er hingegen mit seiner heftigen Rede davon. Vielleicht waren die zuhörenden Kollegen in Schockstarre.

Zwischen den Erzählschilderungen stehen Tagebuchaufzeichnungen des pensionierten Pastors. Er ist ein Mann Gottes, der nach vielen Jahren den Glauben verloren hat, dies bedauert, den Verlust reflektiert, zaghaft nach Gott sucht und den glaubensstarken Luther beneidet. Starke Texte mit Überlegungen, die dem Buch noch mehr Tiefe geben.
 
Ein wirklich unterhaltsames, amüsantes, bewegendes, spannendes, lehrreiches  und empfehlenswertes Buch. Allerdings wird in den Gesprächen über Theologie – wie häufig in Albrecht Gralles Erzählungen – eine modalistische Trinitätsvorstellung näher erklärt und propagiert … aber irgendwas ist ja immer.
 
Der Autor Albrecht Gralle, 1949 in Stuttgart geboren, studierte evangelische Theologie. Danach verschiedene Anstellungen im In- und Ausland als Pastor und Dozent. Seit 1976 schreibt Albrecht Gralle Kurzgeschichten. Es folgten Romane und Kinderbücher. Albrecht Gralle wohnt mit seiner Frau in Northeim bei Göttingen und hat vier Kinder. (Zitat von der Rückseite)

Im Blog wurden von ihm schon vorgestellt:
Das Sauna-Konzil  (Eine unterhaltsame Katechese über die Konfessionen)
Abstieg in den Himmel  und Ein mörderisches Sabbatjahr  (Die Erlebnisse eines tollpatschigen Slapstick-Pastors)
Ich bin's nur - Gott! (Amüsante Geschichten von einem Mann, der auf seine Gebete von Gott höchstpersönlich Antworten bekommt)
Außerdem ist er einer der Autoren von Du sollst nicht morden 

232 Seiten, 2015, Brendow Verlag, Titelbild: über die Kopfhörer hört Luther Renaissancemusik, in Stereo.

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