Sonntag, 22. November 2015

Gott oder nichts

Ein Gespräch über den Glauben

von Robert Kardinal Sarah
und Nicolas Diat


In den ersten beiden Kapiteln geht es um Biographisches. Robert Sarah ist das einzige Kind einer Bauernfamilie. Aufgewachsen in Armut, im Dorf gab es viele Anhänger der animistischen Religion, deren Traditionen das Leben bestimmten. Er ist zwei Jahre alt, als sich sein Vater taufen lässt und am gleichen Tag heiratet. Roberts Eltern glauben ihm nicht, als er erzählt, einer der Spiritaner-Patres aus seiner Schule hätte gefragt, ob er Priester werden möchte, weil sie meinten, Priester könnten nur Weiße werden. Es folgt die Höhere Schule, fern von Daheim in der Elfenbeinküste, da sich dort das Ausbildungshaus befindet, später das Theologiestudium u.a. in Frankreich, Priesterweihe, Rückkehr ins Heimatland, wo die Kirche keine Besitztümer mehr haben darf und der Bischof jahrelang in Folter-Haft ist. Robert Sarah wird selbst mit 34 Jahren Bischof, später ist er an der Kurie und wird 2010 Kardinal.

In den acht folgenden Kapiteln geht es um die Päpste, die Kardinal Sarah kennen lernte, danach um aktuelle Themen in Kirche, Gesellschaft und Politik: Liturgie, das Zweite Vatikanische Konzil, Priesterausbildung, Befreiungstheologie, Atheismus, Relativismus, Kulturkolonialismus, Interkonfessionelles, Interreligiöses, Verfolgungen, Würde der Frau, Ehe, Familie, Euthanasie, Abtreibungen, Priesterskandale, Gender. Vertiefende Betrachtungen über die gesellschaftlichen und politischen Ideologien der letzten Jahrzehnte. Europa und die westliche Welt von Afrika aus gesehen. Und immer wieder Gebet und Seelsorge. (Tunnel des Glaubens sind Abkürzungen zu Gott. Seite 302) Dazu längere Zitate von Thérèse von Lisieux, Mutter Teresa und anderen. Insgesamt wird viel zitiert, zum Beispiel von den Päpsten der letzten fünfzig Jahre und den Kirchenvätern.

Ein Interviewbuch, ähnlich den berühmten von Kardinal Ratzinger mit Peter Seewald. Nur dass die Fragen des Journalisten Nicolas Diat kürzer und die Antworten des Kardinals ausführlicher sind.

Kardinal Sarah ist ein konservativer Theologe, der allerdings  Reformbedarf bei der persönlichen Spiritualität, der Priesterausbildung und der Neuevangelisierung sieht. Forderungen nach Neuorientierung bei den Sakramenten beantwortet er mit Bibelstellen und dem Hinweis auf die Tradition. Immer wieder wird der Westen mit Afrika und anderen Regionen verglichen. Wobei sein Kontinent nicht nur positiv abschneidet; so bewertet er die würdevolle Feier der Mess-Liturgie, wie sie in Europa die Regel ist*, positiver als die langen, teils ausgelassenen Messen seiner Heimat, um nur ein Beispiel zu nennen.

Ein bemerkenswertes Buch, leicht zu verstehen, obwohl das Niveau hoch ist, trotzdem kann man stets entspannt folgen. Seinen Standpunkt vertritt Kardinal Sarah deutlich, ohne diplomatische Umwege; man muss seine Aussagen also nicht zweimal lesen, um das zwischen den Zeilen Gemeinte zu erkennen. Er hat ein wenig das „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“, nur eben auf katholisch.

(Zitat Seite 151) Im Gegensatz zu dem, was wir normalerweise denken, besteht die größte Schwierigkeit der Menschen nicht darin, an das zu glauben, was die Kirche in moralischer Hinsicht lehrt; das Schlimmste für die postmoderne Welt ist es, an Gott und seinen einzigen Sohn zu glauben.

(Zitat Seite 394) Während Christen für ihren Glauben und ihr treues Festhalten an Jesus sterben, versuchen im Westen Männer der Kirche, die Anforderungen des Evangeliums auf ein Minimus zu reduzieren. 

Über den Autor:

Robert Kardinal Sarah ist 1945 in dem kleinen Dort Ourous, Guinea, Westafrika geboren, besuchte bei Spiritaner-Missionaren die Schule, wurde Priester und mit 34 Jahren Bischof seiner Heimatregion. Es folgten Tätigkeiten für den Vatikan (Präsident des Päpstlichen Rates Cor Unum, Sonderbotschafter für den Nahen Osten), 2010 Kardinalswürde, seit 2012 ist er Kardinalspräfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. (Foto auf der Buchrückseite von Paul Badde)


399 Seiten, 2015, aus dem Französischen (Dieu Ou Rien. Entretien Sur La Foi) übersetzt von Katrin Krips-Schmidt und Claudia Reimüller, fe-Medienverlag GmbH. Vorwort von Erzbischof Georg Gänswein und eine Einleitung durch Nicolas Diat, ohne Index.


*Dein Schnauben habe ich bis hierher gehört! Contenance!

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