Samstag, 27. Dezember 2014

Des Teufels Advokat

von Morris L. West

Erzähltes – Literatur


Ein hoher Geistlicher aus dem Vatikan soll in der italienischen Provinz untersuchen, ob Giacomo Nerone ein Heiliger war. Die Geschichte spielt kurz nach dem 2. Weltkrieg. Monsignore Blaise Meredith begegnet dem örtlichen Bischof, Freunden und Gegnern Nerones, seiner Geliebten und dem gemeinsamen Sohn. Die Honoratioren des kleines Bergdorfes (eine Contessa, ein jüdischer Arzt, der Pfarrer) berichten, dass Nerone mitten im Krieg auftauchte, wahrscheinlich desertiert, nichts über sein bisheriges Leben verraten wollte, wie er während der nächsten Jahre in der eiskalten Armut den Menschen beim Überleben half. In einer Gegend, in der Anklopfenden nicht aufmacht wird, weil man selbst nicht genug zu essen hat, und wer außer Hungernden oder Feinden sollte vor der Tür stehen? Nerone wurde von Partisanen erschossen, die ihm  Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern vorwarfen.

Der Monsignore erfährt zuerst nur Oberflächliches, dann fasst man zu dem todkranken Geistlichen Vertrauen und er kann Nerones Früchte suchen, die für eine offizielle Heiligsprechung nötig sind, und erforschen, welche Gründe dagegen sprechen würden. (Gibt es Wunder? Warum hat Nerone seine Geliebte nicht geheiratet? Hat er wirklich nichts Schriftliches hinterlassen?) Dabei blickt Meredith mit Bedauern auf sein eigenes Leben zurück, in dem er nach seiner Einschätzung nie jemandem geholfen hat. Das ändert sich während seiner letzten Wochen; in einem Brief an seinen Vorgesetzten, wünscht er sich, in Nerones Bergdorf beerdigt zu werden, weil er sich dort mehr denn je zuvor als Mensch und Priester gefühlt hat.

Ein hochwertiger Roman, traurig, fremd wegen mancher Umstände, aber Hoffnung machend. Gegen Ende des Buchs tauchen doch noch Nerones Aufzeichnungen auf. Besonders seine Schilderung, wie er sich in Oxford vom Glauben entfernte und später wieder umkehrte, ist hervorragend.
Es ist zwar ein durch und durch katholischer Handlungsrahmen, aber der geistliche Inhalt ist allgemein-christlich. Am beeindruckendsten sind die Beschreibungen, was die verschiedenen Arten von Armut aus den Menschen machen und wie sie sie überwinden (wollen).

Die Erzählung Des Teufels Advokat ist meiner Meinung nach fast genau so gut wie der andere klassische Roman mit einem sterbenden Priester (Tagebuch eines Landpfarrers), auch wenn sie wie spannende Unterhaltungsliteratur aufgebaut und formal sehr leicht zu lesen ist.


Der Australier Morris L. West (1916-1999) war einer der erfolgreichsten Schriftsteller seines Heimatlandes. Nach dem Studium arbeitete er einige Jahre als Lehrer, später Werbechef und Direktor einer Rundfunkgesellschaft, nach 1954 nur noch Autor. Geschieden, zweite Ehe, lebenslang gläubiger Katholik. Mehrere Bestseller zu christlichen Themen, sein erfolgreichstes Werk ist  der Papstroman In den Schuhen des Fischers.

(Die deutsche Verfilmung von 1977 hat jede Menge Abweichungen zum Buch, sehr ärgerliche Änderungen. - Der Film von 1997 "The Devil's Advocate" basiert auf der Story von Neidermann und hat mit Morris' Erzählung nur den Titel gemeinsam.)

279 Seiten, 1959, aus dem Australischen (The Devil's Advocate) von Paul Baudisch

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