Sonntag, 22. Juni 2014

Ich will meine Gemeinde zurück

Wenn mein geistliches Zuhause mir fremd wird

von Gordon MacDonald


Erzähltes – Gemeinde


In dieser Erzählung werden die Probleme innerhalb einer evangelischen, freikirchlichen Gemeinde in Neu-England (USA) beschrieben. Eine Gruppe von jahrzehntelangen Ehrenamtlichen trifft sich regelmäßig mit dem Pastor zu einer Krisensitzung. Sie sind alle zwischen Ende Fünfzig und Anfang Siebzig, nennen sich „Entdecker- gruppe“ und reden darüber, was sich in den letzten Jahren in ihrer Gemeinde verändert und deshalb zu Spannungen geführt hat, sie überlegen, wie es in Zukunft weitergehen kann.

Zu Beginn, am ersten Abend, geht es um die Bibel, mit Zitaten aus der Apostelgeschichte und den Briefen wird auf das Miteinander und die Probleme bei den ersten Christen hingewiesen. Das erinnert den Leser an Bibelstunde und Sonntagsschule, ist aber ein sehr gelungener Einstieg.

An den folgenden Abenden werden nacheinander einzelne Punkte angesprochen, teils kritisiert und heftig diskutiert (wobei der Pfarrer eher vom Typ Erneuerer ist): 
Erst war der regelmäßig Einsatz der Orgel und bald auch der Organist weg, dann verschwanden die Choräle aus den Gottesdiensten, die man gemeinsam gesungen hat, oft mehrstimmig. Stattdessen gibt es auf der Bühne Sänger mit Mikros. Es wird behauptet, die Texte der neuen Lieder blieben geistlich flach, die Melodien seien zu schlicht und wenn einzelne Zeilen häufig wiederholt werden, käme keine andächtige Stimmung auf. Für die Predigten sind Powerpoint-Installationen und Videos notwendig, der Pfarrer geht rum und interviewt die Gottesdienstbesucher, weil sie sich nicht mehr so lange konzentrieren können, wenn wie früher frontal gepredigt wird. Er trägt auch keinen Anzug und Krawatte mehr sondern meist Freizeitkleidung. Für die Aufrüstung der Kirche mit den neuesten technischen Anlagen für Musik und visuellen Schnickschnack muss jede Menge Geld ausgegeben werden.

Aber die Spenden gehen zurück. Prediger aus der Mission werden nicht mehr eingeladen, in der Gemeinde ihre Arbeit vorzustellen. Man schmort im eigenen Saft.

Veränderungen werden umgesetzt, die Leute anziehen sollen, in die Gemeinde zu kommen. Diese Leute sind aber noch nicht da, jedoch werden die Anwesenden durch die Neuerungen verstört oder vergrault.

Im Gottesdienst fehlen die jungen Leute, sie haben kein Interesse mehr am Glauben und den normalen Gemeinden. Dazu fehlt den Menschen außerhalb der Kirchen das christliche Grundwissen, entweder zum Teil oder sogar die absoluten Basics.

Bei Veränderungen, die altgewohnte Einrichtungen betreffen, bleiben immer einige langjährige Gemeindemitglieder weg. Sie gehen in eine andere Kirche, die ihnen das Gewohnte bietet oder schauen zu Hause im Fernsehen auf den entsprechenden Kanälen die Gottesdienste an.

In zwei Kapiteln gibt es viel über englischsprachige Kirchenmusik, so z.B. die Geschichte der Choräle von Isaac Watts, Charles Wesley und Fanny Crosby, über Gospels und die ganz neuen Songs.
(Beeindruckend, wie Amazing Grace entstanden ist, getextet von dem ehemaligen Sklavenhändler John Newton. Darüber gibt es übrigens ein Musical, das am 20.9.2014 in Kassel seine Uraufführung haben wird. Mit der Musik von Tore W. Aas vom Oslo Gospel Choir.)
(Persönlicher Kommentar: Kirchenmusik ist so ein interessantes Thema, warum gibt es darüber nicht viel mehr Literatur oder wenigstens im Internet einige Seiten, konfessions- übergreifend? Christliche Musikexperten bitte macht doch mal!)

Die jungen Leute vom Anbetungsteam der Gemeinde werden an einem Abend zu dem „Entdeckerteam“ eingeladen. Sie machen im Gottesdienst immer laute Musik mit Rockrhythmen und nutzen jetzt die Gelegenheit, den Älteren zu erklären, was ihnen in der Kirche und bei den Liedern wichtig ist.

Ben, der achtundzwanzigjährige Neffe einer Ehrenamtlichen, kommt in die Stadt, um einige Zeit bei seiner Tante zu wohnen. Eigentlich hat er mit Kirche nichts am Hut, interessiert sich dann aber für die Videos im GD, die moderne Musik und den freundschaftlichen Umgang beim Kirchenkaffee. Er geht deswegen freiwillig in die Kirche und macht beim Team der jungen Leute mit.

Eine Namensänderung für die Kirchengemeinde wird vorgeschlagen, die Gründe dafür besprochen, der Widerstand und die Unterstützung geschildert. Schließlich gibt es eine Wahl durch die Gemeindemitglieder, ob sie den neuen Namen akzeptieren. Im Buch wird weder der alte noch der neue Name genannt. Dieser Namensänderung folgt man als hiesiger „Volkskirchler“ über Seiten hinweg voll Verwunderung.


Ein hochinteressantes Buch. Für mich war die Problematik komplett neu, über die Veränderungen in Gemeinden und Gottesdiensten hatte ich vorher noch nie etwas gelesen, auch kein Sachbuch. Dazu ist das Thema in Ich will meine Gemeinde zurück sehr schön umgesetzt mit der Erzählhandlung, den lebensechten Figuren und dem Pfarrerehepaar. Es macht auch Spaß, dem Geschehen zu folgen, selbst wenn man etwas traurig wird, wenn Altgediente mit dem Wandel nicht klar kommen und die Gemeinde verlassen. Die Story bietet den Einblick in eine eigene Welt und Verständnis für sie und ihre Menschen. Unbedingt zu empfehlen!


Der Autor Gordon MacDonald (geb. 1939) ist evangelikaler Pastor in den USA (mit Wiki-Artikel, allerdings nur in der deutschen Wiki).


297 Seiten, 2007, aus dem Amerikanischen (Who Stole My Church?) übersetzt von Karen Gerwig

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