Sonntag, 3. März 2013

Gottesdiener von Petra Morsbach

Erzähltes – Geweihtes Leben – Literatur


Der sympathische Priester Isidor Rattenhuber ist Mitte Fünfzig, entstammt einer sehr armen Familie aus dem Bayrischen, war in den Nachkonzilsjahren im Priester- seminar, stottert (außer in der Liturgie), wandelt aus guten Gründen Traubensaft und führt ein normales Pfarrerleben mit achtzig Wochenstunden in einer bayerischen Landgemeinde. Neben der Hauptfigur gibt es Kollegen, Kirchen- und sonstiges Volk in der Erzählung. Ein Bekannter des Pfarrers ist ein atheistischer Ex-DDRler. (Zitat S. 320) „Beneke war ein Spötter. Spötter sind leere Menschen, die mit sich selbst nichts anzufangen wissen und ihr Selbstgefühlt parasitär daraus beziehen, daß sie anderer Leute Konzepte entwerten.“

Die acht Hauptkapitel werden mit einem Auszug aus der Liturgie der Priesterweihe eingeleitet, die Unterkapitel mit einem kurzen Zitat aus der Bibel.

(Zitat S. 26) „Isidor hatte schon vor dreißig Jahren aufgegeben, nach Gerechten zu suchen, denn wenn sich nicht mal in Sodom zehn Gerechte fanden – in einer Stadt, im Heiligen Land, beim Auserwählten Volk! - was kann man da von Niederbayern erwarten“

Alles in diesem Buch ist dunkelgrau bis rabenschwarz; hmm, das soll wohl 'realistisch' sein. Wenn man sich gerade daran gewöhnt hat, dass fast jeder Alkoholiker ist oder war, kommt ein Alkoholiker dazu, der dazu noch seine Tochter missbraucht. Die Verfehlungen der Priesterkollegen werden einzeln abgehandelt. Die Leute sind sündig, überheblich, frustriert, verzweifelt, sterbenskrank, lebendige Leichname.

Im Netz steht, die Autorin sei zu einer Lesung zu Bischofens eingeladen gewesen, mit eben diesem Roman. Daher dachte ich, er wäre entsprechend empfehlenswert. Naja, wenn man etwas sucht, um jemanden vom Eintritt ins Priesterseminar oder in einen Orden abzuhalten, sollte man zugreifen. Allerdings kommen die Ehen auch nicht gut weg, ausgenommen die Partnerschaft eines Priesters und seiner Lebensgefährtin. Durch das Buch kann man auch erfahren, wie Pessismisten und Misanthropen die Welt sehen.
Die Autorin ist nicht kirchenfremd. Formal ist es gute Literatur, nur eben der Inhalt ...

407 Seiten, 2004

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